Die Verschwörung der Ratingagenturen


Werner Rügemer, RatingagenturenWerner Rügemer, Ratingagenturen. Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart, 190 S., transcript xtexte, Bielefeld, 2012

Über Ratingagenturen wollte ich schon lange mehr wissen. Wie sie arbeiten, wonach sie bewerten, wie seriös ihre Arbeit ist und von welchen Interessen geleitet? Nun gibt es ein Buch über sie, und mit 190 Seiten ist es auch für den interessierten Laien zu bewältigen.

Rügemers Buch ist informativ und wäre durchaus eine lohnende Lektüre. Wenn, ja wenn der Autor nicht auf fast jeder Seite mit polemischen Einwürfen eine Klientel füttern zu müssen meinte, die lediglich ein Ressentiment bestätigt bekommen will. Oder eine Verschwörungstheorie.

Während dieser auktioriale Fütterungsreflex vor allem nervt, gibt es aber ein größeres, grundsätzlicheres Problem mit diesem Buch. Und das hat vielleicht damit zu tun, dass es ein Buch ist. Der Autor muss seine Sammlung an Fakten und Argumenten zu einem Narrativ formen, sie müssen eine Geschichte ergeben. Und die Geschichte dieses Buches funktioniert nicht. Man kann das ignorieren, wenn man, wie ich, einfach nach Informationen über die real existierenden Ratingagenturen sucht. Deshalb komme ich darauf zum Schluss.

Jetzt erstmal zu den guten Seiten dieses Buches, warum ich es empfehlen kann. Es ist in der Tat vollgepackt mit der Sorte von Informationen, die ich suchte. Man erfährt etwa, dass die drei großen Agenturen – also Standard & Poors, Fitch und Moodys – 2010 zusammen 2.734.000 Ratings durchgeführt haben. Mit 3598 Analysten.

Und vielleicht wollten auch Sie schon immer wissen, was so ein Rating kostet? Wie lange es dauert? Warum Ratings von den Agenturen veröffentlicht werden und warum das manchmal zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt passiert?

Und natürlich: gibt es noch andere Ratingagenturen außer den dreien, die man kennt? Und warum kennt man die nicht? All das erfährt man hier und deshalb lohnt sich dieses Buch.

Doch nun zum großen Problem. Und hier scheint der Autor nicht die Ressentimenthungrigen zu bedienen, sondern seine Story tatsächlich für plausibel zu halten. Hier ist sie in Kürze. Die großen drei Ratingagenturen sind Privatunternehmen. Sie gehören historisch Medienunternehmen, diese wiederum gehören den gleichen Investoren wie der Rest der Weltwirtschaft: Pensionsfonds, Lebensversicherungen, auf dem Wege über Hedgefonds. Rügemer strickt daraus eine Verschwörungstheorie, die einfach keinen Bösewicht hat. Welche Eigentümer der Ratingagenturen, schon ab dem zweiten Glied, hätten Interessen an einer Beeinflussung der Ratingergebnisse, die sich nicht gegenseitig aufheben? Welcher der Eigentümer der Ratingagenturen, die selbst über ihre Mutterkonzerne eher in den Margen der Portfolios ihrer Eigentümer auftauchen, verwendet auch nur annähernd soviel Zeit darauf, sie zu beeinflussen, wie auf Apple, General Motors oder Coca Cola? Das wäre ein schlechter Fond- oder Portfoliomanager.

Nein, gerade nach diesem Buch gehe ich mehr denn je davon aus, dass die Ratings das Produkt von Ratinganalysten sind. Ganz normal überforderten, von “intelligenter” Software unterstützen Menschen, die in Unternehmen arbeiten, die ganz normal ihren Profit maximieren und ihr Geschäft sichern und ausbauen wollen. Und das auch weiterhin tun werden, solange man sie läßt. Mit allen Nebenwirkungen, die ihr Operieren in der jüngeren Vergangenheit gebracht hat.

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