KULTURKRITIK: Böses PowerPoint


davidjcarr.files.wordpress.com“Brühwürfel des Denkens”

Unter diesem Titel schrieb Thomas Steinfeld am 30.11.2009 in der Süddeutschen Zeitung einen kritischen Bericht über die “PowerPoint”-Kultur und ihre zerstörerische Wirkung auf die Redekunst. Dieser Bericht ist nur einer von vielen zu diesem Thema. Es gibt inzwischen geradezu ein Genre, das man unter dem Oberbegriff “anti-digitale Kulturkritik” zusammenfassen kann. Als mir dieser Bericht neulich wieder in die Hände fiel, dachte ich deshalb, dass es heute immer noch rechtzeitig ist, darauf zu antworten.

Bedeutet PowerPoint das Ende unseres Verstandes wie wir ihn kennen? Zu diesem Schluss könnte der Beitrag in der Süddeutschen Zeitung verleiten. Dabei will er sich das altväterliche Gegrantel, mit dem schon Sokrates über die im antiken Griechenland neue Mode des Aufschreibens lamentierte, eigentlich sparen. Die Debatte ist ja, wie er selbst zitiert, nicht neu. Doch ein bisschen Kulturpessimismus muß er dann doch durchblitzen lassen. Etwa wenn er mit Schadenfreude auf Unternehmen verweist, die inzwischen die Foliensätze wieder durch den guten alten Fließtext ersetzen, wenn es um wichtige Entscheidungsvorlagen geht. Akute Gefahr sieht der Autor für die Vortragskunst, die durch das Strahlen der Beamter und den pompösen Bühnennebel aus Grafiken, Fotos und spärlichem Text an den Rand gedrängt werde.

Auch wenn an letzterem in der Praxis häufig etwas dran ist, sehe ich in PowerPoint und seinen Geschwistern doch eher Indizien eines Wandels unserer Informationsvermittlung und -verarbeitung. Also eine Veränderung, die zwar mit dem Verlust des einen, aber auch dem Gewinn von etwas Neuem einhergeht, wie bei jeder medialen Zäsur. Deshalb sollten wir, zunächst einmal ohne Wertung, die Gewinn- und Verlustrechnung aufstellen.

Die Hirnprothese

PowerPoint ist dabei natürlich nur der prominenteste Stellvertreter. Wofür, das ist gar nicht so leicht zu sagen. Das Spötteln über verschiedene hirnerweichende Aspekte der Microsoft-Software war ja eine leicht und gern betriebene Disziplin, solange sich noch jemand dafür interessierte. Etwa die PowerPoint-Version der Gettysburg Address, Abraham Lincolns berühmter Rede zum amerikanischen Bürgerkrieg, die sich lustig macht über den “Autoinhaltsassistenten” und die sprachverkrüppelnden Bullet Points der Seitenvorlagen des Programms. Oder die künstlerischen PowerPoint-Arbeiten David Byrnes, des ehemaligen Sängers der Talking Heads, die sich über den Schaubildwahn amüsieren, der vor einigen Jahren die Präsentationen überkam.

Clicks für eine bessere Welt

Eine neue, noch nicht ausgereifte Form der Kommunikation ist stets des Spottes leichte Beute. Doch die Lustigkeit hat eine kurze Halbwertszeit, weil die Kommunikationsform rasch zur Blüte kommt. Und was im Stammbaum von PowerPoint zur Blüte kommt ist, wenn man Lernforscher wie Richard E. Mayer von der University of California fragt, einfach eine überlegene Art der Stoffvermittlung. Auf verschiedenen Internetplattformen für Präsentationen wie zum Beispiel Slideshare.net kann man, unter ganz viel Schrott versteht sich, ausgezeichnete Beispiele finden, wie Argumente durch die Kombination von Text, Bild und inzwischen auch Film eine ebenso ästhetische wie überzeugende Form finden können. Zeit und Medium bilden in Kombination spezifische Rhetoriken aus, und unsere ist nicht mehr die Zeit von Demosthenes und Cicero. Auf den lustvoll-intellektuellen TED-Konferenzen, deren Vorträge auf ted.com zum Abruf bereitstehen, kann man die Meister dieser neuen Rhetorikschule erleben. Zu sehen gibt es hier auch Al Gore, dessen Weckruf an die ökologisch verschlafenen USA “An Inconvenient Truth” als PowerPoint-Vortrag begann (hier ein Hintergrund-Interview zur Entstehung). Einen Mann also, der ohne Zweifel in seinem politischen Leben seinen Tribut an die klassische Vortragsschule entrichtet hat; der aber außerhalb der Welt der Kammern und Gremien bewusst zu anderen Mitteln greift, um seinen Punkt zu machen.

Killed by Simplicity

Vorgeworfen wird der neuen Kommunikationstechnik, sie vermöge komplexe Sachverhalten nicht angemessen wiederzugeben und verleite zu übermäßiger Simplifizierung und oberflächlichen Urteilen. Die einzig stichhaltigen Argumente dafür liefert der von Steinfeld zitierte Edward Tufte, der oft und treffend gegen PowerPoint polemisiert (z.B. hier in Wired) und in seinem Buch Visual Explanations: Images and Quantities, Evidence and Narrative (Link zu Amazon) sehr detailliert nachweist, wie schlecht die Lage der Columbia anhand der vorhandenen Folien zu beurteilen war, was zu groben Fehleinschätzungen und letztendlich zum Absturz der Raumfähre und dem Tod aller sieben Besatzungsmitglieder am 28. Januar 1986 führte. Letztendlich macht Tufte die geringe Auflösung von Computerbildschirmen und Beamern für das Dilemma verantwortlich. Das gute alte große Blatt Papier, gefüllt mit einer gut lesbaren Tabelle aller verfügbaren Daten, biete allein den Raum für Analyse, ohne bereits eine Interpretation dieser Daten quasi karikierend in den Vordergrund zu schieben.

https://i1.wp.com/www.edwardtufte.com/tufte/graphics/home_stalin_poster.jpg

Diesem Argument mit dem Hinweis zu begegnen, dass gerade im Bereich der Wissenschaft heute am exzessivsten und, mit Verlaub, oft auf dem niedrigsten Standard gepowerpointet wird, würde nur wieder dem Kulturpessimisten in die Hände spielen. Deshalb sei vorerst nur darauf verwiesen, dass sich seit dem Columbia-Unglück die Auflösung unserer Monitore mehr als verfünffacht hat und die Entwicklung weitergeht. Und dass heute spezielle Softwarelösungen für eine angemessene, nicht-trivialisierende Erschließung und Darstellung vielfältiger Datenarten zur Verfügung stehen, von der Epidemiologie bis zur historischen Zeitreihe.

Pitchen gegen Catilina

Ein weiterer, häufig gemachter  Vorwurf ist, dass eine Präsentation allein schon durch ihre Vortragsform aus jeder Situation eine Verkaufsveranstaltung macht. Das ist sicher richtig. Aber war es nicht schon immer so? Wollte Cicero den Römern mit seinen Reden gegen Catilina etwa nur nett die Zeit vertreiben? Will nicht jeder Redner dem Publikum seine Sicht der Welt aufzwingen? Wofür “verkaufen” noch der nettere Ausdruck ist. Neu ist auch nicht die Vortragssituation des Pitches, also des Wettbewerbs um Aufträge oder Aufmerksamkeit mittels kommunikativer Verführungskunst. Oder das hämmernde “erstens – zweitens – drittens” der Beweisführung, auf das der geschmähte Bullet Point zurückgeht. Auch die dialektische Hinführung von These über Antithese zur Synthese finden wir in Form dreieckiger Schaubilder in vielen Präsentationen. Verkaufen und Überzeugen – es ist noch kein Symptom der totalen mentalen Ökonomisierung, wenn man beides für eng verwandt hält.

Demnächst: Slideshows der Erleuchtung?

Was wir sicher erst mit weiter zunehmender Reifung der multimedialen Rhetorik sehen werden sind Anwendungen, die nicht der Überzeugungsarbeit dienen: also neue Kunstformen. Und fraglich ist auch, ob wir sie auf Anhieb erkennen werden, wenn sie uns begegnen. Aber wir können sicher sein, dass es sie geben wird. Schon allein, weil hunderte Millionen Menschen tagtäglich sowohl in ihrer PowerPoint-gesteuerten Berufswelt als auch in ihren privaten Kommunikations- und Kreativitätsräumen bei Facebook, YouTube, Flickr den souveränen Umgang mit den Mitteln trainieren, verfeinern und weiterentwickeln.

(Shortlink: http://wp.me/pbfMz-deM0A)

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